Über die Behauptung, den Dschungel in der Großstadt gefunden zu haben

By lavirago

Es ist an einem dieser Tage im Juni, an denen es drückend heiß ist, kurz vor einem Gewitter. Es scheint, als würde der Sommer noch etliche Versuche unternehmen, sich mit Sonne und Trockenheit durchzusetzen.

Krachend gewittert es, Regen schüttet, dann verfängt sich die gesamte Stadt in einer Hülle aus samtigem Nebel. Ich atme die feuchte Luft ein und habe das Gefühl, mich tief im tropischen Regenwald zu befinden. Die Haut weicht auf, macht geschmeidig, was vorher rau war. Schwere graue Wolken türmen sich dicht über den Häusern.

Das Ereignis von vermeintlicher Willkür eines Unwetters ist so behebend. Plötzlich spüre ich wieder, dass es die Natur noch gibt, hatte sie ganz verdrängt, sie hat sich einfach nicht bemerkbar gemacht. Nun übertrifft sie Altbauten und Glaspaläste an Kraft und Imposanz. Mit allen Sinnen nehme ich die Stimmung war und erkenne bestimmte Bilder darin, die ich aufs Leben beziehe, dieses Wetter steht für etwas. Die Äußere Welt spiegelt die Innere wider und umgekehrt.

Mir kommt es vor, als würden die Menschen in der Großstadt Tag für Tag wie eingespielte Maschinen funktionieren, künstlich ernährt und am Leben erhalten. Dann wird die Stadt zu einem Zweck, anstatt zu einem selbstbestimmten Lebensraum. Sie gibt Regeln vor, wie wir sie zu benutzen haben. Die Arbeitswelt spielt sich getrennt vom Leben ab.

Jedes Gebäude erfüllt seine bestimmte Aufgabe, jede Straße, jeder Gehweg hat ein Ziel, jeder Ecke wird eine wesentliche oder unwesentliche Bedeutung zugemessen. So bewegen wir uns in vorgegebenen Formen durch die Stadt. Wir haben es ja von Klein auf gelernt, uns entsprechend korrekt zu verhalten, ohne zu hinterfragen, wie genau wir uns überhaupt bewegen. Alle Bewegungen von Ort zu Ort erscheinen so eingespielt, steht man einen Moment in sich gekehrt auf der Straße, so aus sinnloser Lust, schauen einen die Fußgänger komisch an, weil sie erwarten, dass du dich nicht anders bewegst als sie.

 

 

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Es ist leicht für diejenigen, die es schaffen, sich dem Stadtbild anzupassen und in ihren alltäglichen Erledigungen keine großen Fragen zu stellen. Wird es für manche komplizierter, dann nutzen sie die Stadt nach ihrer eigenwilligen Art. Dann entstehen so wunderbar wilde Auswüchse wie Straßenkunst, kleine Galerien, illegale Bars, Straßenmusik, Performances auf der Straße.

Das ist der Dschungel, das wilde, undefinierbare, weil lebendig und unabhängig und ständig im Wandel. Manche sind gestochen von einem Moskito und lassen dessen Gift durch ihre Blutbahnen gleiten, heimlich grollt das der Donner in ihnen. Sie denken nicht mehr, sie spüren vielmehr.

Die ganze Struktur, die einem ein postmodernes Leben bietet, ist auf Logik aufgebaut. Benutze geschickt deinen Verstand, dann kommst du zurecht. Wir haben von der Kindheit an langsam und schleichend verlernt, uns auf unsere Intuition zu verlassen. Wir wissen nicht mehr, was unser Bauch von all dem hält. Aber diese Ursprünglichkeit und Wildheit existiert in uns, mal ausgeprägt, mal schwächer. Wir würden die Welt um uns herum komplett anders erleben, würden wir uns auf unser inneres Selbst verlassen, würden wir unseren Träumen die Bilder zurückgeben und uns in ihnen mal treiben lassen. Eben direkt hinein in den Nebel des Unbewussten.

Wir wissen nicht, wo es hingeht, wenn wir auch mal ein Risiko eingehen. Das bedeutet viel Ermutigung und Inspiration von außen und Aufmerksamkeit nach Innen, um das Unbewusste spüren und walten zu lassen.

Uns wird gelehrt mit unseren Köpfen zuerst logisch zu entscheiden, sachlich zu argumentieren, möglichst objektiv zu analysieren . Doch es hat keine Bedeutung und wenig Einfluss auf unsere eigentlichen Pläne.

Das Unbewusste ist nicht mit dem Verstand zu erfassen, es zeigt einem auch ohne unser Zutun den Weg. Es ist die Quelle für Kreativität, für künstlerisches Schaffen.

Warum entscheiden wir nicht nach Kriterien der größtmöglichen Subjektivität, warum holen wir nicht das ganze Spektrum unseres einzigartigen Daseins hervor und gelangen zu dem, was wirklich wichtig ist: Unser eigener, besonderer Weg. Gedanklich weitab von vorgegebenen Normen und Verhaltensregeln.

Die Kunst hilft uns dabei und ist überhaupt sinnstiftend im Leben. Egal, ob man sich Künstler nennt, wie viele es in der Großstadt tun, oder nicht. Und ich meine auch keinen Teilnehmer im Vhs-Kurs oder Hobbymaler. Es ist gut, tief in sich hinein zu horchen, nach den wahren Gefühlen zu graben, ohne pseudoartige Konstrukte an Gefühlen aufrechtzuerhalten. Sei mal ehrlich zu dir selbst und fühle dich dabei gut, das ist ne ziemliche Arbeit. Das ist Lebenskunst.

Die Vorstellung macht mich so aufgeregt, sich ohne Nachzudenken, wie ein Tier in das Leben zu stürzen und sich ohne Pläne leiten und fallen zu lassen. Es ist so spannend, es passiert so vieles, wenn man loslässt und loslegt. Jeder Tag bringt etwas neues, jeden Tag wird etwas dazugelernt.

Man traut sich, dagegen zu sein und nicht alles bereitwillig anzunehmen, was angeblich gut gemeint war. Man verhält sich trotzig, träge, schnippisch, bisweilen agressiv, kindlich, aufmüpfig, undiplomatisch, so jedenfalls in Augen der Mitmenschen.

Man sollte wissen, was man will vom Leben.

Die Zeit läuft weiter, das Leben ist schnell vorbei, es ist eine Melodie im Wind, kosmisch gesehen.

Im Hier und Jetzt kannst du alles Wesentliche wahrnehmen und erleben.

Es ist deine Melodie, die du so gestalten kannst, wie du magst. Kein anderer Mensch wird deine Träume verwirklichen.

Fang etwas Wildes, etwas Verrücktes an. Tu es nur für dich.

Und gehe mal im Sommergewitter auf der Straße spazieren.

 

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